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Christine Lieberknecht predigte in Karlsruhe zum Reformationsjahr

von Christina Müller

Am Dienstag, 15. März in St. Stephan

Die frühere Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht, war in Karlsruhe im Rahmen einer Predigtreihe zum Reformationsjahr zu Gast. Am Abend des 14. März predigte sie in der Gottesdienstreihe "Die Kraft des Wortes" in der katholischen Stadtkirche St. Stephan.
"Vergnügt, erlöst, befreit" – mit diesen drei Grundworten der Reformation, zitiert nach einer modernen Psalmenübersetzung von Heinrich Hüsch, fasste sie zusammen, was es für sie bedeutet, Christ zu sein. In der engagiert vorgetragenen Predigt, die sich auf den verheißungsvollen Text Jesaja 25,1–8 bezog, betonte sie, dass Gott und sein Handeln am Menschen sich vor allem darin zeige, dass der Mensch freier wird.

Jesaja habe wie kein anderer Prophet darum gerungen, den scheinbaren Zwiespalt zwischen dem allmächtigen Gott und dem kleinen, schier bedeutungslosen Menschen zu überbrücken. Die Größe Gottes und die Bedeutung des Menschen fänden zueinander in der Berufung des Menschen durch Gott, so die studierte evangelische Theologin und frühere Pastorin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. "Ich habe dich beim Namen gerufen. Du bist mein", dieser Satz sei die Antwort Jesajas auf die Frage, die ihn umtrieb: "Was ist das für ein Gott, der den Menschen Gebote gibt und sie belohnt, wenn sie sie einhalten, aber bestraft, wenn sie sie verletzen. Selbst sein eigenes Volk verschont er nicht." Angesichts des Ewigkeitskreislaufs von Geboten und Versagen habe Jesaja erkannt: "Das kann doch nicht alles sein."
Nicht das Bestrafen sei die eigentliche Intention von Gottes Handeln, sondern vielmehr, alle Menschen friedlich zu vereinen, wie in der Vision vom endzeitlichen Festmahl zum Ausdruck kommt: "Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten Speisen, mit besten, erlesenen Weinen" (Jes 25,6). Diese Vision, so Lieberknecht, sei habe der heutigen Zeit keinesfalls an Aktualität eingebüßt: "Das Festmahl bedeutet: Es ist vorbei mir den ewigen Kriegen. Alle sitzen gemeinsam am Tisch, alle Völker und alle Menschen."

Ähnlich wie einst Jesaja habe auch Martin Luther darum gerungen, Gott als ein gnädiges und liebendes Gegenüber erkennen zu können, sagte Lieberknecht. Seine große Erkenntnis habe ihm erlaubt, den Menschen trotz seiner Unvollkommenkeiten und Verfehlungen als von Gott angenommen und geliebt zu begreifen: "Simul iustus et peccator. – Zugleich Sünder und Gerechter. Das war die befreiende Erkenntnis." Ebenso wie Jesaja habe Luther es somit geschafft, den ewigen Kreislauf von Gebot und Übertretung zu durchbrechen.
Wer an Christus glaubt, erklärte Lieberknecht, der glaube auch: "Er ist der überwältigend Siegreiche." Betrachte man jedoch seinen Tod am Kreuz, wie einsam und verlassen er stirbt, mag das nicht recht zusammenpassen. "Doch schauen wir seine Hände an: sie sind offen. Sie sind nicht zu Fäusten geballt, und sie greifen keine Waffe. Sie sind offen und bereit zuzupacken." Eben diese offenen Hände brauche die Welt auch heute: "Die Gewalt und noch mehr Gewalt, das ist nicht mehr unser Weg."

Der Gegenentwurf zur Gewalt sei das berühmte Zitat des Propheten Micha: "Schwerter zu Pflugscharen". Mit diesem Leitsatz haben die Menschen in Ostdeutschland einst ein waffenstarrendes System in die Knie gezwungen. Sie trugen in ihren Händen keine Waffen, sondern Kerzen.
Schließlich appellierte sie an alle Christen, zuversichtlich und mutig in die Zukunft zu schauen: "Die Zeiten, in denen das Trennende der Konfessionen betont wurde, sind endgültig vorbei. Nach 500 Jahren sind wir endlich soweit, das zu betonen, was vereint", forderte sie. Die Gemeinsamkeiten, müssten schon bald auch darin sichtbar werden, dass alle Christen gemeinsam zum Abendmahl gehen könnten, sagte Lieberknecht.

"Was würde Luther heute reformieren?" fragte sie zum Abschluss. Sicherlich nicht mehr dasselbe, was ihn vor fünfhundert Jahren zum Anstoß der Reformation bewegte. "Das, woran er sich an seiner Kirche gestört hat, ist doch längst überwunden", sagte sie. "Er würde sich vor allem die Einheit wünschen, und die Aussicht auf das gemeinsame Freudenmahl."

Text und Foto: Tobias Tiltscher, Öffentlichkeitsarbeit, Katholische Kirche im Dekanat Karlsruhe

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