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Großes Interesse an Impulsen, Diskussionen und Austausch zum Thema Frieden in Israel und Palästina

von Christina Müller

Rund 100 Interessierte nahmen an Veranstaltung am Montag, 3. Juni 2019 im Karlsruher Tollhaus teil

(Karlsruhe, 4. Juni 2019) Die Konflikte zwischen Israel und Palästina und die damit verbunden Frage nach einem Weg zum Frieden ist ein Thema, das nicht an Aktualität verliert, Menschen weltweit beschäftigt und zum Nachdenken anregt. Es bewegt und betrifft besonders stark diejenigen, die dort und arbeiten, sie selbst, ihre Familien und Freunde. Impulse von Fachleuten zu hören, mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen, diese Gelegenheit nutzten rund 100 Interessierte gestern Abend und nahmen an der Veranstaltung "Auf der Suche nach dem Platz zwischen den Stühlen" im Karlsruher Tollhaus teil, zu der Evangelische Kirche in Karlsruhe und die Evangelische Akademikerschaft Deutschland e.V. eingeladen hatten.

"Die Kirche hat die Aufgabe Orte zu schaffen an denen es die Gelegenheit gibt miteinander ins Gespräch zu kommen und der Dialog ist der beste Weg dafür", begrüßte Thomas Schalla, Dekan der Evangelischen Kirche in Karlsruhe, die Teilnehmer. Vor dem Urteilen und Beurteilen müsse das Zuhören stehen und dazu gebe es hier die Chance. Schalla ging kurz auf den offenen Brief des Journalisten Andreas Zumach ein, der vor Beginn der Veranstaltung vor Ort ausgelegt war und von den Teilnehmern wahrgenommen wurde. Zumach hob noch einmal sein Unverständnis für die Absage des geplanten Vortrags von ihm im Dezember 2018 bei den "jungen alten" (Bildungsprogramm für Menschen ab 50 Jahre, der Evangelischen Erwachsenbildung Karlsruhe) hervor warf dem Dekan vor, dass er sich nicht an Zusagen gehalten habe, wie eine Teilnahme von ihm als Referent und Experte an einer Veranstaltung wie zum Beispiel dieser. Schalla erklärte den Anwesenden, dass die Evangelische Kirche in Karlsruhe auch weiterhin Interesse daran habe Andreas Zumach zu einer Veranstaltung in Karlsruhe einzuladen. "Zwischen den Stühlen" sei eine Auftaktveranstaltung, mit neuem Gesprächsformat. "Die nötige Aufarbeitung der Absage vom Dezember 2018 hätte vermutlich den Charakter und den Fokus dieser Veranstaltung verändert, was verhindert werden sollte", machte Schalla deutlich.

Zu Beginn der Veranstaltung, die von Martin Steinhagen, freier Journalist, moderiert wurde, standen Impulsreferate von Expertinnen und Experten. "Der Friedensprozess ist eine verpasste Gelegenheit auf und für beide Seiten", machte Kerstin Müller, ehemalige Leiterin des Tel-Aviv-Büros der Heinrich Böll-Stiftung, deutlich. Es sei wichtig das gesamte Konfliktpaket zu sehen, so Müller, von der Flüchtlingsfrage der Palästinenser über die Empfehlungen und Diskussion über die Zwei-Staaten-Lösung, bis hin zu den stattgefundenen Verhandlungen und Verträgen wie dem Camp-David-Abkommen, der zum Frieden zwischen Israel und Ägypten beigetragen hat. Müller, die fünf Jahre lang in Israel gelebt hat, betonte, dass kein Dialog auf Augenhöhe geführt werde und dass das Thema Frieden von den Konfliktparteien aus angegangen werden müsse. Wichtig sei auch hierbei die anderen Nachbarstaaten- und länder einzubeziehen.

Auch der Probst der Evangelischen Kirche in Deutschland in Jerusalem, Wolfgang Schmidt, berichtete von seinem Alltag und den Schwierigkeiten für die Menschen, mit denen sie sich tagtäglich auseinandersetzen müssen, beispielsweise die Kontrollen an den Check-Points. "Ich lebe seit sieben Jahren in Ost-Jerusalem und die Westbank gehört zu meinem Alltag. Für den Prozess und die Verhandlungen brauchen wir Menschen guten Willens, die sich nach einer Lösung sehnen, eine freie und offene Diskussion führen, ohne Unterstellungen und Interpretationen, das ist das A und O", unterstrich der Probst.

"Die Zeit drängt. Es wird spürbare und rasche Veränderungen in der Welt geben, in Europa, in unserem Land. Die Zeit drängt", begann Tamara Or, geschäftsführender Vorstand der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum ihren Impulsvortrag. Die deutsch-israelische Beziehung sei ein Zeichen, machte Or deutlich und nannte Beispiele. "Tausende junge Menschen engagieren sich, beispielsweise in der Friedensarbeit", erklärte sie. Über 200 Projekte würden von der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum gefördert. Sie kritisierte an dieser Stelle auch die Presse, die in erster Linie an Konflikten interessiert ist.

Der Geschäftsführer des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden in Hessen, Daniel Neumann, zeigte sich besorgt über die aktuelle Situation hier in Deutschland und judenfeindliche Äußerungen in der Öffentlichkeit. "Beschimpfungen und verbale Attacken waren bei Demos in Frankfurt, Göttingen und Bremen zu hören", so Neumann. In der Wahrnehmung werde kein Unterschied gemacht, zwischen deutschen Juden oder Juden aus Israel. Aktuell bestünden die Mitglieder der jüdischen Gemeinden hier in Deutschland zu 85 Prozent aus Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. "Unsere Gemeinden sind ein Zufluchtsort sind wichtig für sie", erklärte Neumann.

Ashraf Tannous, Pastor der Evangelisch-Lutherische Kirche in Beit Sahour, Palästina, brachte seine Erfahrungen emotional auf den Punkt. "Ich bin ein Mensch, ich bin Araber, ich bin Palästinenser, ich bin Christ, bin semitisch und ich bin Pastor einer evangelischen Gemeinde", zählte er auf. Der Austausch und das Gespräch über folgende Themen seien für ihn wichtig und von großer Bedeutung, was die Bemühungen um Frieden und einen Weg dahin betrifft: Liebe, Hoffnung, Glauben, Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit. "Darüber müssem wir immer wieder miteinander sprechen und uns austauschen.“

Avishai Milstein, Regisseur und Chefdramaturg am Beit Lessin Theater in Tel Aviv, berichtete über die Möglichkeiten das Thema Frieden im kulturellen Bereich aufzugreifen. Er sehe große Chancen darin eine interessierte Öffentlichkeit anzusprechen und zu sensibilisieren. Milstein, der auch am Badischen Staatstheater in Karlsruhe künstlerisch tätig war, hat in seinen Stücken und Inszenierungen Themen wie die deutsch-israelischen Beziehungen und auch den Holocaust aufgegriffen. "Die Menschen können nicht objektiv sein. Das geht nicht ohne die Perspektiven des anderen zu hören", erklärte er. Nur durch Begegnung sei das Verstehen und das Überwinden von Vorurteilen möglich. Und Begegnung und Verstehen im kulturellen Bereich sein in vielfältiger Art und Weise möglich.

Beim World-Café im Anschluss nutzen die Teilnehmenden die Möglichkeit eine Stunde lang miteinander ins Gespräch zu kommen und sich untereinander und auch mit den Impulsgebern, die an von Tisch zu Tisch gingen, auszutauschen.

Deutlich wurde: Frieden ist möglich ist, wenn der Wille von beiden Seiten aus vorhanden ist. Und er wird bereits gelebt, zwischen den Menschen, die im Nahen Osten (zusammen)leben und auch hier in Deutschland und Europa, in unserer Stadt. Viel passiere durch enge Verbindungen der Menschen mit- und untereinander: Ehen, Partnerschaften und Freundschaften. Auch der Besuch von Vorträgen und Veranstaltungen, Begegnungen in der Stadt, Reisen und anderen Aktivitäten seien ein wichtiger Baustein um Menschen besser kennenzulernen, wahrzunehmen und zu verstehen.
Auch die unterschiedlichen politischen Ansichten wurden im World-Café deutlich. "Warum gibt es Besatzung in Israel und ist sie notwendig?", "Wird Frieden durch die vorgeschlagene "Zwei-Staaten-Lösung" möglich?", "Welche Rolle spielt die Jugend?", "Wer trägt Verantwortung oder, wer muss stärker Verantwortung übernehmen damit Frieden möglich wird?".

Nach vier Stunden ging die Veranstaltung mit einer Schlussrunde auf dem Podium zu Ende.

"Gemeinsame Visionen sind wichtig, sonst driften die Gesellschaften auseinander", fasste Kerstin Müller zusammen. Und auf die Frage was die Evangelische Kirche dazu beitragen kann, antwortete Daniel Neumann. "Ich wünsche mir eine klare und deutliche Positionierung von Seiten der Kirche." Diese erwachse durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema. Probst Wolfgang Schmidt fasste seine Erfahrungen und Ergebnisse an diesem Abend so zusammen. "Ich habe hier gute Argumente "Pro Israel" und "Pro Palästina" erlebt und bin zufrieden", so Schmidt. Der Regisseur und Chefdramaturg Avishai Milstein hat Hoffnung, vor allem in Hinsicht auf die nächste Generation. "Wir können dafür sorgen, dass sie sich begegnen, dass die in Kontakt kommen und damit haben wir genug getan." Tamara Or machte noch einmal deutlich, dass die Entwicklungen in jedem Fall eine "win-win-Situation" für alle, die sich das wünschen sind und sein können. Voraussetzung dafür sei, dass alle daran Beteiligten offen und dazu bereit sind.

"Wir hatten das Ziel Multiperspektive in den Blick zu nehmen in den Mittelpunkt unserer Veranstaltung zu stellen. Das ist uns gut gelungen", sagte Thomas Schalla und dankte den Teilnehmern für ihre Offenheit und das Interesse. Es sei wichtig, dass der Dialog hier in Karlsruhe weitergehe die Evangelische Kirche sei sehr daran interessiert.


Christina Müller, Öffentlichkeitsarbeit, Evangelische Kirche in Karlsruhe

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